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DIE GESCHICHTE DES MAUSOLEUMS von CARSTANJEN

Wie kaum ein anderes, am Bonner Rheinufer gelegenes Bauobjekt zieht das Plittersdorfer Mausoleum, - ein baulicher Exot in der Landschaft - unwillkürlich neugierige, faszinierte oder spekulierende Blicke auf sich.

Aus dem Rahmen fällt zunächst die exponierte Lage der, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts errichteten Familiengruft oder Gedächtniskapelle: In stolzem Abstand vom Rheinufer und -promenade abgerückt, umgeben von einem weitläufigen Grundstück, eingefasst durch kunstfertiges, schmiedeeisernes Gitterwerk, zugänglich durch zwei eherne Portale, thront das Mausoleum auf einem bühnenartigen Steinpodest; von der Rheinseite führt ein zweiteiliger, herrschaftlicher Freitreppenaufgang zum tempelähnlichen, von Balustraden umstandenem Kuppelbau. Auf einer zweiflügeligen Bronzepforte halten zwei semiplastische Erzengel gleichsam Wache. Ein geheimnisumwitterter, fast wehmütiger Zauber umflort die, derzeit noch in trübtristes Grau gekleidete Fassade, deren neoantiker Portikus (säulengetragener und giebelverzierter Vorbau) und Kuppeldach dem Mausoleum die neuerliche Bezeichnung "Mini - Pantheon" (General Anzeiger 25.1.06) eingetragen haben.

Keineswegs alltägliche Kennzüge trägt auch die Geschichte eines Bau- und Kulturdenkmals, dessen Stilelemente im wesentlichen der Baukunstrichtung des Historismus (inspirierter Rückgriff auf frühere Epochen, wie etwa Anlehnungen an, Paraphrasen auf Renaissance und Barock) verpflichtet sind.

Anno 1881 erwirbt der in Duisburg aufgewachsene Bankier und Zuckerfabrikant Adolf Carstanjen frugales Ackergelände in der Plittersdorfer Aue. Den, im 500 Morgen messenden Landbesitz befindlichen "Auerhof" wandelt der Mäzen kurz nach seinem Ankauf in eine Fideikommissstiftung um. Diesem Umstand, nebst geleisteter Kriegsverdienste (1870/71) ist es zu verdanken, dass Adolf von Kaiser Wilhelm I noch im gleichen Jahr in den preußischen Adelsstand berufen wird. Das frisch erlangte Aristokraten -Standesbewusstsein untermauernd, lässt im Jahr 1882 der seinerzeit 57-jährige Graf Adolf von Carstanjen, den Auerhof umbauen zu einem repräsentativen, schlossgleichen Anwesen namens "Haus Carstanjen". Ab 1885 absorbiert den ambitionierten Grafen, Gemäldesammler und Kunstliebhaber die Idee eines Familiengrabdenkmals.

Exkurs: zum Begriff Mausoleum Der baugeschichtliche Mythos des Mausoleums geht zurück auf das, nach dem Tod von König Mausollos (353 v. Chr.) vollendete Mausolleion von Harlikarnassos, entworfen von den griechischen Baumeistern Pytheos und Satyros. Das nur teilerhaltene Ursprungsmausoleum, Vorbild für nachfolgende Monumentalgrabstätten, gehörte zu den sieben Weltwundern. Kolossalstatuen von des griechischen Königsregenten und Gemahlin standen im Zeichen von Majestätsbewusstsein, Macht, Ruhm und Unsterblichkeitsbegehr.

Aus Kreisen von Volkskundlern und Landesdenkmalpflege zu vernehmen ist, dass der "Typus des freistehenden Mausoleums auf Privatgelände" im auslaufenden 19. Jahrhundert "sehr ungewöhnlich" sei. Dieser Umstand, so heißt es weiter, "macht das Objekt zu einem bedeutenden Zeugnis der Säpulkralarchitektur des Rheinlands". Das singuläre Bonner Mausoleum manifestiert jedoch nicht allein ein Stück Bestattungsgeschichte, Grabmahlarchitektur oder Totenverehrung. Vielmehr dokumentiert das Gesamtwerk einerseits Kunstsinn und Sachverstand des Plittersdorfer Mäzen. Darüber hinaus spiegelt die Gesamtanlage des Haus Carstanjen den, im Fin de siecle gepflegten Lifestyle einer aufsteigenden Industriellenfamilie, der - und das ist bemerkenswert - offenkundig und allgegenwärtig verknüpft ist mit Gedanken an Jenseits und Leben nach dem Tode.

Zwei Stararchitekten engagiert der, aus einer erfolgreichen, reichen Fabrikantenfamilie entsprossene Junggraf Adolf für den Privatgruftbau: Zu August Hertel (1844-1890) und Skjold Neckermann (1854-1903) gesellt sich ab Frühjahr 1895 der, den rotundenförmigen Massivbau realisierende königliche Regierungsbaumeister Johannes Kleefisch (1862-1932).

Präzise abgestimmt, konsequent, minutiös durchdacht und souverän durchformuliert erscheint jedes Detail des stattlichen Denkmals. Atmosphärisch dicht und überwältigend wirkt die obere Ringhalle. Ein harmonisches Ensemble voluminöser Sandsteinsäulen nach ionischer Ordnung, umlaufender Reliefbandzierrat, (naturhafte, organische und geometrische Motive), ornamentierte Inschriften, Epitaphe, Sockelformationen, Estrichmosaike und schließlich die halbplastischen Marmorbüsten des, im Profil fixierten Stifterehepaares Adolf ( gestorben 1900) und Adele, geborene vom Rath ( gestorben 1905) flössen Staunen und Ehrfurcht ein. Im Raumzentrum dominiert eine mächtige Bodenplatte mit der Aufschrift: "Denket mit Liebe an uns - Adolf von Carstanjen - 1897).

Von hier aus schweift der Blick über Kassettendekor hinauf zu Tambourkuppel und Kuppellaterne und zurück zu einem Ambiente, wo Leben und Tod, Vergänglichkeit und Ewigkeit sich zum zeitlosen Kreislauf verquicken. Eine Bronzepforte mit der Aufschrift: "Sie ruhen in Frieden und wir folgen nach" bildet die Schwelle zur, durch einen doppelgleisigen Treppenabschwung erreichbaren Krypta. Zwei mit Kranzwerk und Palmenzweigen beschickte Karyatiden (Säulenträgerinnen) säumen den wappenverzierten Eingang zum unterirdischen Reiche des Monumentes. Acht Säulendoubles umspielen prachtvolle, Boden und nunmehr gedrungene Kuppelwölbung bedeckende Sternenornamente. Zwischen Marmortafeln reihen sich schweigend insgesamt 22, in üppigen Stollenmassen gehaltene, sich bis ins Gartenland erstreckende Grabkammern oder Gruftschächte. Nachweislich beigesetzt sind hier das Gründerpaar sowie Majoratsherr Moritz von Carstanjen (1860-1916). Viele weiland installierte Tafeln sind heute kaum noch zu entziffern.1940 wurde Juniorgraf Robert in der Gruft beigesetzt.1980 fand auf dem Plittersdorfer Auengrund letzte Begräbnis statt (Gisela Freifrau von Rheinbaben, geborene von Carstanjen)).

In letzter Zeit ist das langfristig eingerüstete Mausoleum avanciert zum Godesberger Stadtgespräch. Gründlich gerodet, drastisch gelichtet und abgedichtet wurde das, - besonders im Grundstückshinterhalt- von üppigem Wildwuchs heimgesuchte und brüchigem Baumstand ausgelieferte Gelände. Melancholische Poesie verbreitet ein ausladendes, trauerweidenähnliches Buchengewächs, dessen Äste über einen zisternenverwandten, mit eingravierten Palmwedeln geschmückte Viereckssteinbogen ranken. An der jüngst freigelegten Rückpforte wieder zu entdecken sind jene metaphorischen Rosetten, Lanzen und Lilien, die mit der frontalen Gittereingrenzung des Terrains korrespondieren. Überhaupt ist das kompakte, teils farbig ausgestaltete Schmuckstück eine tiefe und fesselnde Fundgrube für Kunstfreunde und Ästheten.

Das viel zitierte Klischee, einer erwachenden Dornröschensituation trifft jedoch nur bedingt auf das Mausoleum zu. Seit dem 23.Dezember 2005 befindet sich im Eigentum der, von Nachlassverwalter, Rechtsanwalt Dr. Martin Hamm (Essen) angeregten "Von Carstanjen Stiftung". Nicht zuletzt sticht Gemeindepfarrer Dr. Wolfgang Picken längst vor seinem offiziellem Amtsantritt (November 2004) der, alles andere als lupenreine, unmittelbar an den Friedhof der Gemeindekirche St. Evergislus grenzende, Juwel förmlich wie ein Dorn ins Auge. Die pastorale Recherche führt über gemeindliche Auskünfte stichgerade zu Dr. Hamm. Das Ergebnis engagierter Verhandlungen mündet in eine aktuelle, sensationelle Weihnachtsüberraschung. Nach dem Verscheiden des Letzten seines Stammes, Adolf - Enkel Martin (Zürich, Ende 2005), hat nunmehr die Bürgerstiftung Rheinviertel, so deren Initiator und Vorsitzender, Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, nunmehr "die ehrenwerte Aufgabe, im Sinne der Familie Graf von Carstanjen, das Mausoleum zu erhalten und zu nutzen". Das bedeutet im Klartext, dass die junge "Von Carstanjen Stiftung" als unselbständige Stiftung oder Zustiftung integraler Bestandteil der Bürgerstiftung Rheinviertel ist. So zeichnen die Gremien der Bürgerstiftung Rheinviertel, - dessen Kuratorium Dr. Hamm angehört - als exekutive Organe verantwortlich für die "Von Carstanjen Stiftung"

Erster Schachzug ist eine komplexe, umseitig intensive Sanierung des beileibe nicht nur von Zeitzahn oder hypergravierenden Feuchtigkeitsschäden heimgesuchten, denkmalgeschützten Kleinods. Auf Hochtouren laufen längst aufwendigste Reparaturen von Kuppeldach, von komplett verrotteten Regenrinnen, von demolierten oder nur noch in Splittern präsenten Fensterumlauf. Die bisherige Regie liegt in den Händen des von Dr. Hamm beauftragten Bonner Architekten Dieter Husmann.
Unfasslich abenteuerlich sind vor allen Dingen fatale Ausuferungen von Vandalismus und unvorstellbare Auswirkungen abgründiger Destruktionsmanien; so war das zuvor nicht hermetisch abgeriegelte Prachtexemplar etwa Zielscheibe von finsterem Nachtgesindel, Opfer von geradezu dämonischen Graffiti -Auswuchs und anderweitigen Sudeleien. Ein ähnliches Horrorszenario bietet der unterirdische Bautrakt und seinen aufgebrochenen Zinksärgen und wüst verheerten Grabkammern. Dem extrem sensiblen Natursandsteinbestand und weiteren Kostbarkeiten ihr ursprüngliches Gesicht zurück zu verleihen, ist eine konservatorische Herausforderung, die etwa bauspeziell entwickelte Verfahren erforderlich macht.

Ungefragt gelangt in der Vergangenheit das Mausoleum durch zwei Initiativen in die lokalen Schlagzeilen. "Die Blutsbrüder" nennt sich ein, von Christoph Klimke verfasstes Drama, das laut Lokalgazette "Schnüss", unmittelbar "zwischen den Gräbern" (Regisseurin Beatrice Arnim) anno 1997 Uraufführung (März 1997) feiert. Weitaus sinnträchtiger erscheint hingegen eine Rettungsaktion, die eine Boy Scout Truppe der amerikanischen Siedlung und Ferienschüler durchziehen. Gesäubert werden bemooste Steintreppen, notdürftig aufpoliert wird der desolate Zustand des Ziergatters; im Interieur wirbelt und wütet ein Frühjahrsputz. Die amerikanischen Pfadfinder wundern sich (wie manch anderer) "über die Gleichgültigkeit der Deutschen" (General Anzeiger 15.3.1993). Verwaist und verwahrlost ist die einst pompöse Familiengrabstätte durch Wegzug, Heirat und das allmähliche Aussterben der Grafen von Carstanjen. Weit weg vom Rheinland lebt Erbe Robert, dem gleichwohl Hege und Pflege der Familienfriedstätte ein Herzensanliegen bedeuten.

Zu den Zielen der Bürgerstiftung Rheinviertel gehört es, den Genius Loci zu neuem Leben zu erwecken. Um die Öffentlichkeit temporär teilhaben zu lassen an einem ausgiebig rekonstruiertem Stück Kulturgeschichte, plant die Bürgerstiftung Rheinviertel für den diesjährigen Sommer und Frühherbst eine Reihe von stillen, anspruchsvollen Kulturveranstaltungen.
Es ist jedoch die respekteinflössende, friedvolle, pietätgebietende Aura, die dazu auffordert, das Mausoleum auch in Zukunft als Hort der Stille und Einkehr, als Refugium der Kontemplation und Spiritualität und als Stätte der ewigen Ruhe aufrecht zu erhalten, zu kultivieren und zu ehren.
So hat die Bürgerstiftung Rheinviertel beschlossen, das Mausoleum in nicht allzu ferner Zukunft als gemeindliche Urnenbegräbnisstätte zu nutzen. Gemeinsam mit (oder im Sinne) der Aktion "Bis zuletzt eine Heimat im Rheinland" geht es unter anderem darum, ein Exempel zu statuieren hinsichtlich der christlichen Tradition eines individuellen, von Gedenkplatten und gottesdienstlichen Mementi mori begleiteten, würdevollen Bestattungswesens.
Der Erwerb eines, für 1000 Euro erhältlichen, auf die Dauer von zwölf Jahren reservierten, Urnengrabs mitermöglicht der Bürgerstiftung Rheinviertel eine kontinuierliche Fortführung gemeindlicher, neue Wege und Perspektiven öffnender, Sozialprojekte; diese konzentrieren sich auf das Spektrum landläufig bekannter Notstandgebiete: Kindergärten, Jugendarbeit, Lebensabend und Sterbebegleitung, Hospiz. Im Anschluss an die Fortbestandssicherung der Kirche St. Hildegard, innovativer Klosterneugründung am gleichnamigen Gotteshaus (November 2005) verkörpert die, mehr als zufrieden stellend fortschreitende Fertigstellung des Mausoleums einen weiteren, markanten Meilenstein in der erst im Juni 2005 gegründeten Bürgerstiftung Rheinviertel.

Text: Christina zu Mecklenburg

 
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